Traumtouren im hintersten Winkel des Trentino
Schon von weitem, wenn man im Wald von Paneveggio die Kurven des Passo Rolle in Angriff nimmt wird klar, dass man gleich in einem besonderen Bike-Revier ankommen wird. Denn direkt darüber streben die Felspfeiler der "Pale di San Martino" in den Himmel. Wahrhaft: man muss nicht allzuviel Phantasie aufbringen um zu verstehen, warum der Cimon della Pala, der die Szenerie dort oben dominiert, auch das "Matterhorn der Dolomiten" genannt wird.
Bei diesem Anblick würde niemand je im Traum auf die Idee kommen, dass man genau dort oben, inmitten dieser Zacken, Biken kann. Doch man kann. Und wie! Eine Seilbahn führt von San Martino di Castrozza hinauf zur Cima Rosetta, und von dort beginnt ein epischer Run nach Taibon Agordino. Wahrscheinlich eine der besten Touren der Alpen!
Angesichts der umwerfenden Landschaft verwundert es nicht, dass der Ort San Martino di Castrozza ein bedeutendes Touristenzentrum ist. Dies gilt allerdings vor allem für den Winter. Klar gibt es hier auch im Sommer Tourismus. Doch in den für Mountainbiker besonders interessanten Zeiten der Vor- und Nachsaison kommt es sehr häufig vor, dass man die Touren und Trails für sich alleine genießen kann.
San Martino ist der Hauptort der touristischen Region "San Martino, Primiero e Vanoi". Sie umfasst auch das Tal, welches sich von San Martino aus nach Süden zieht, sowie das Nebental Vanoi, das Alpencrossern geläufig ist. Am Talausgang des Vanoi befindet sich der Passo delle Cinque Croci, der schon oft Etappe der Transalp Challenge war.
Im Ersten Weltkrieg wurde zwar nur in der Lagoraikette gekämpft, die den Primiero in Richtung Fleimstal begrenzt. Doch es zog sich hier die zweite Verteidigungslinie der Italiener entlang. Will heißen: sämtliche Berge hier sind mit Militärstraßen und -Trails durchzogen. Und die, soviel ist bekannt, sind für Biker allererste Wahl!
Lage
San Martino di Castrozza liegt im äußersten Osten des Trentino, in einem engen Tal südlich des Passo Rolle. Östlich oberhalb der Ortschaft liegt das Hochplateau der Pale di San Martino, im Süden des Tals grenzt der Nationalpark der Dolomiten von Belluno an.
Anreise
Über die Brennerautobahn bis Ausfahrt Neumarkt/Auer. Weiter über den Passo di San Lugano bis Cavalese, dann über Predazzo und den Passo Rolle nach San Martino di Castrozza (368 km, 4:10 h von München).
Guiding
Seilbahnen
Col Verde/Rosetta, Tel. 00 39/04 39/6 85 05, und Le Buse, Tel. 00 39/04 37/ 59 90 68 (APT Val Biois), Öffnung erfragen!
Karten
Tabacco Blatt 022 „Pale di San Martino“ und Blatt 023 „Alpi Feltrine, Le Vette, Cimònega“, beide im Maßstab 1:25 000.
Allgemeine Infos
Um das Tourenrevier von San Martino di Castrozza und seiner Nachbartäler zu verstehen, sei wieder mal die Geschichte der Dolomiten zitiert. Vor dem Ersten Weltkrieg verlief die Grenze zwischen Österreich und Italien über den Kamm des Lagorai. Südlich davon legten die Italiener Bunker und Forts an, die als "zweite Verteidigungslinie" einen Einfall der Österreicher von Norden stoppen sollten.
Entsprechend haben hier viele Wanderwege und Straßen einen militärischen Ursprung, was Mountainbiker besonders freut. Beispiel Monte Totoga: Hier führt eine breite Kanonenstraße über 48 Kehren durch eine spektakulär steile Felswand nach oben, um kurz unterhalb des Gipfels bei einer Geschützkaverne zu enden. Und bergab geht's über wundervolle Trails!

Von den Geschützbunkern des Monte Totoga genießt man einen weiten Blick bis weit in den Vanoi und auf die Kette des Lagorai.
Diese Tour könnte man also durchaus als charakteristisch für den Spot bezeichnen: Bergauf geht's über meist gut fahrbare Straßen und Wege mit moderater Steigung – bergab sorgen die typischen "Mulattiere", also meist militärische Saumpfade, so richtig für Laune.
Unter dem Strich stellt das Revier dann aber wegen der beträchtlichen Höhenunterschiede doch konditionell harte Nüsse zu knacken. In Sachen Fahrtechnik reicht das Portfolio von einfachen Schotterstraßentouren bis hin zu knackigen Trails, auf denen Freerider und Trailsurfer ihre helle Freude haben werden!
Die Spots
Das Altopiano
Spektakulär führt die Seilbahn in zwei Sektionen hinauf zum Hochplateau der Pale di San Martino. Oben angekommen gibt's für staunende Mountainbiker nur eine Richtung: Runter ins Nachbartal des Cordèvole.
Zwar erschien vor einigen Jahren in der Zeitschrift BIKE ein Bericht über eine Abfahrt hinunter nach San Martino. Der dort beschriebene Trail kann aber nur lebensmüden Bike-Profis empfohlen werden. Und selbst diese werden kaum viel Fahrspaß empfinden. Diese Einschätzung klang aber in besagtem Artikel auch an, so dass wir uns hier nur anschließen wollen: Lasst es sein!
Unbedingt machen solltet ihr aber die Abfahrt über den Militärtrail der Pale di San Martino. Dieser führt vom Rifugio Rosetta über mehr als 2000 Höhenmeter bergab bis nach Taibon Agordino. Ich lege mich hier fest: Diese Tour gehört zu den 10 besten der Alpen!

Fahrtechnisch nur mittelschwer, ist diese Runde aber konditionell doch hartes Brot. Schließlich gehen 2000 Höhenmeter bergab auch schon ganz schön in die Beine. Auf dem Rückweg will das gesamte Val Biois durchquert werden, gefolgt vom Val Venegia. Nicht selten wartet hier der Mann mit dem Hammer.
Aber es wartet halt auch ein Hammerpanorama!

Unser Tipp: Fahrt bereits am Vorabend mit der Seilbahn hinauf zum Rifugio Rosetta und übernachtet dort. Der Sonnenauf- und -Untergang dort oben ist ein einmaliges Erlebnis. Und taktisch günstiger seid ihr auch unterwegs: So könnt ihr euch bereits ohne Stress um halb acht Uhr morgens auf den Trail machen und habt abends weniger Zeitdruck!
San Martino di Castrozza
Das Revier von San Martino selbst erstreckt sich insbesondere auf die Bergkette gegenüber der Pale di San Martino. Hier finden sich hauptsächlich breite Schotterwege, die aber immer wieder mit fahrtechnisch feinen Trails gewürzt werden können. So ergibt sich ein relativ entspanntes Tourenrevier, das aber immer mit tollen Panoramablicken aufwartet.

Im Norden von San Martino, also rund um den Passo Rolle, fände sich viel Stoff für tolle Runden. Leider herrscht im Wald von Paneveggio über weite Strecken Bike-Verbot, das auch unbedingt berücksichtigt werden sollte.
Eine Pflichttour ist aber die Runde durch das Val Venegia, die konditionell wie fahrtechnisch mittelschwer aber mit einem Wahnsinnspanorama aufwarten kann.

Primiero
Gute 20 Kilometer südlich und 700 Meter tiefer als San Martino di Castrozza gelegen öffnet sich der Talkessel von Primiero. Im Rund findet sich ein abwechslungsreiches Tourenrevier, dass sich meist auf Forst- und Almwegen abspielt. Viele Strecken haben aber auch besagten militärischen Ursprung - viele Abfahrten halten gepflasterte Karrenwege und gut befestigte Trails bereit.
Die Touren bewegen sich meist unterhalb der 1000-Höhenmeter-Marke. Dennoch stellen die teils sehr steilen Anstiege nicht geringe Anforderungen an die Kondition. Insgesamt haben wir es hier aber mit einem eher moderaten Tourenrevier zu tun, auf dem vor allem Genussbiker und auch Fortgeschrittene zum Zuge kommen.
Vanoi
Ausgehend vom Talort Canale San Bovo erstreckt sich das Tal des Vanoi in Richtung Westen, um im Passo delle Cinque Croci den Übergang ins Valsugana zu markieren. Diese Passage war schon häufig Teil der BIKE Transalp, und auf dessen Spuren kommen jede Alpencross-Saison zig Mountainbiker in dieses Tal.
Auch für Tagestouren bietet dieses Tal sehr schöne Möglichkeiten. Allerdings muss schon von San Martino di Castrozza aus gut eine Stunde Autofahrt zu den Startorten der Touren eingeplant werden. Für Viele wird dieser Spot daher zu abgelegen sein - in näherer Umgebung von San Martino und dem Primiero finden sich zudem mehr als genug lohnende Touren.
Ergo: von Touren im Vanoi raten wir keineswegs ab - sie lohnen! Doch eine explizite Aufforderung, sich die Touren im Vanoi nicht entgehen zu lassen, ergeht hier nicht.
Alternative Aktivitäten
Sämtliche Talorte von San Martin, Primiero und Vanoi sind typische Gebirgsdörfer. Will heißen: Die hier möglichen Aktivitäten "beschränken" sich auf Bergsport.
Die Gänsefüßchen sind mit Bedacht gesetzt, denn Möglichkeiten für Bergsportaktivitäten finden sich hier für Wochen, wenn nicht gar für Monate. Doch wer z.B. mit Kindern unterwegs ist, für den könnte diese Ferienregion zu "eindimensional" sein. Doch der Reihe nach:
Trekking
Wer gerne auch mal zu Fuß unterwegs ist, findet hier Möglichkeiten für Trekkingtouten in unerschöpflicher Zahl. Von der einfachen Almwanderung bis hin zu wilden Gipfelbesteigungen ist alles dabei. Abwechslungsreich und dabei auch noch mit Kindern gut machbar ist z.B. eine Wanderung vom Passo Rolle zu den Seen von Colbricon im Naturpark Paneveggio.
Auf der anderen Seite der Fahnenstange steht der Aufstieg von San Martino über den Sentiero del Cacciatore und den 702er hoch zum Gipfel der La Rosetta. Dass von kurz unterhalb des Gipfels die Seilbahn wieder zu Tale führt, wird mancher willkommen heißen. Oder vielleicht geht man den Gipfel ja per Seilbahn an, und steigt über den beschriebenen Weg ab?
Klettersteige
Die "Pfähle" von San Martino per Klettersteig zu erkunden ist einmalig. Möglichkeiten dazu finden sich zuhauf, wobei gesagt werden muss, dass es sich hier nicht um Anfängergelände handelt. Legendär ist z.B. der Klettersteig "Bolver Lugli" zum Biwak der "Fiamme gialle" auf dem Rücken des Cimon della Pala und von dort weiter zum Gipfel der Cima Vezzena. Doch klipp und klar: Sämtliche Klettersteige hier sind hartes Brot und nichts für Einsteiger!
Sportklettern
Climbern wird der Name Maurizio Zanolla etwas sagen. "Manolo" ist eine legendäre Persönlichkeit, der die Anfangstage des Sportkletterns in Italien geprägt hat und bis heute in den oberen Schwierigkeitsbereichen mitspielt. Gleichzeitig ist Manolo in Primiero ansässig, und hat so auch das Sportklettern in der Region entscheidend mitgeprägt.
10 Klettergärten finden sich so vor Ort - typisch für Italien bestens eingebohrt und mit einer breiten Schwierigkeitspalette vom Dreier bis hin zu 8c. Die international bekannteste Tour ist sicherlich "The time is free" im Sektor Goblin des Val Noana, eine vogelwilde 8c.
Alpinklettern
Der traditionsreiche Stützpunkt für Alpinkletterer ist das Rifugio Rosetta auf dem Altopiano, bequem erreichbar per Seilbahn. Dass sich hier schon seit Generationen die Kletterer tummeln lässt sich im Inneren der Hütte auf den ersten Blick ersehen. Und dass sich rund um die Hütte tolle "Trad"-Climbs finden auch: Die Hütte ist von vogelwilden Felswänden umstellt!
Wir sind gerade beim Biken!
Die besten Touren rund um San Martino di Castrozza werden ab Ende Juni 2011
nachgeliefert. Wieder mal vorbeizuschauen lohnt also. Danke für die
Geduld!

Allgemeine Infos und Übernachtungsmöglichkeiten findet ihr online unter www.sanmartino.com
