Wahnsinn des Stellungskrieges im Hochgebirge
Im Frühjahr 1915 hatten sich die Propagandalügen aller europäischen
Nationen von einem schnellen, ruhmreichen Sieg über den jeweiligen Feind
längst als das entlarvt, was sie waren: Lügen! Ein globaler
Flächenbrand war entstanden, bei dem immer mehr Nationen den
„glorreichen Opfermut“ ihrer Völker ausgiebigst in Anspruch nahmen. Auf
immer mehr Schlachtfeldern (nie war dieser Begriff angebrachter als im
Ersten Weltkrieg) lagen sich Truppen in ebenso sinnlosen wie
opferreichen Gemetzeln gegenüber. Der Grabenkrieg war in vollem Gange.
Bei
alledem hatte sich das Königreich Italien lange Zeit neutral verhalten.
Schon weit vor dem Kriegsausbruch war Italien mit Österreich-Ungarn und
Deutschland im „Dreibund“ verbündet gewesen. Trotzdem weigerte sich Italien, auf Seiten der beiden Kaiserreiche in den Kampf einzutreten. Italien
führte als Begründung an, dass der Dreibund als Verteidigungsbündnis
konzipiert gewesen sei. Da die beiden Mittelmächte den Krieg aber
begonnen hätten, sei Italien an seine Bündnispflichten nicht gebunden.
Der
wahre Grund für die abwartende Haltung Italiens lag aber wohl eher am
Versuch der „Entente“, Italien mit Versprechungen auf ihre Seite zu
ziehen. In Südtirol, dem Trentino, in Friaul und Triest lebten
unterschiedlich zahlreiche italienische Minderheiten. Im Falle eines
Kriegseintrittes Italiens auf Seiten der „Entente“ sollten diese Gebiete
an Italien fallen.
Da man Österreich außerdem als den relativ
schwächeren Gegner ansah, kam es wie es kommen musste: Am 23. Mai 1915
trat Italien trotz des Dreibundes auf der Seite der „Entente“ in den
Krieg ein und griff Österreich an.
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Der Kriegsbeginn
Italiens Kriegseintritt brachte Österreich in eine prekäre Lage: Man war
bereits an zu vielen Fronten in Schlachten verwickelt und hatte
empfindliche Verluste an Mensch und Material hinnehmen müssen. Für eine
effektive Verteidigung der Südgrenze standen schlicht nicht ausreichend
Truppen zur Verfügung. "Standschützen" wurden mobilisiert,
Reserveeinheiten, für die man – bei allem Ruhm – bisher keine Verwendung
gefunden hatte. Österreichs "Glück" in dieser Situation war in der
Person ihres größten Feindes zu suchen.
Oberster Befehlshaber der italienischen Truppen war der General Luigi Cadorna. Der General war einerseits ein brillanter Redner und talentierter
Propagandist, andererseits – wie sich bald herausstellen sollte – ein
lausiger Taktiker und großer Zauderer vor dem Herrn, der jedes Risiko
scheute. Allen vollmundigen Vorhersagen zum Trotz (Cadorna hatte sich
ernsthaft zu der Behauptung verstiegen, innerhalb von vier Wochen Wien
erobern zu können) zeigte sich, dass auch die italienischen Truppen
reichlich schlecht für einen Konflikt gerüstet waren.
Kaum war der Krieg erklärt, zögerte Cadorna, ohne Umschweife eine
schnelle Offensive zu starten, die Österreich mit einiger
Wahrscheinlichkeit das Rückgrat hätte brechen können. Die ersten
Gebietsgewinne Italiens gingen ohne große Verluste vonstatten. Die
österreichischen Truppen zogen sich kampflos von den Grenzen zurück und
besetzten im Hinterland eine Linie von taktisch günstig gelegenen
Berggipfeln und Passhöhen. Durch das Zögern Cadornas gewann man die
Zeit, die nötig war, sich in diesen Stellungen zu verbunkern und
Verstärkung von anderen Fronten heran zu holen. Die Quittung für die
Unfahigkeit ihres Oberbefehlshabers Luigi Cadorna bekamen schließlich
jene armen Soldaten präsentiert, die ab Juni 1915 den Befehl bekamen,
die gegnerischen Stellungen zu erstürmen. Reihenweise wurden sie von
Maschinengewehrsalven niedergemäht, bis ihnen schließlich nichts anderes
übrig blieb, als sich ihrerseits zu verbunkern. Innerhalb kürzester
Zeit war auch die Dolomitenfront im Stellungskrieg erstarrt.
Schlachten im Hochgebirge
Hatte man sich im hochalpinen Gelände erst einmal verschanzt und die
Stellung befestigt, so war diese praktisch nicht mehr einzunehmen.
Versucht wurde es trotzdem. Neben dem direkten Sturmangriff gab es nur
zwei denkbare Möglichkeiten der Attacke: Entsprechend befähigte Soldaten
versuchten, durch Klettern über die gegnerischen Stellungen zu
gelangen. Oder man grub einen Stollen unter die zu erobernde Position
und sprengte alles in die Luft. Das Relief der gesprengten Berge wurde
dadurch zwar deutlich verändert, der Frontverlauf jedoch kaum. Den
Auftakt für den Krieg der Minen machten die Italiener im April 1916 am
heftig umkämpften Col di Lana.
Die Horchtrupps der österreichischen
Verteidiger unterrichteten ihr Hauptkommando, dass eine Sprengung
unmittelbar bevorstehen müsse. Doch statt den Gipfel zu räumen, erging
der Befehl, den Col di Lana "bis zum letzten Mann zu halten". Bei der
wurde Sprengung die österreichische Besatzung unter den Trümmern
begraben …
Im Winter forderten Lawinen, Erfrierungen und Erschöpfung erheblich mehr
Opfer, als durch direkte Feindeinwirkung zu beklagen waren. Am
Schlimmsten war der Winter 1916/17: Bei bis zu acht Metern Schnee und
Temperaturen von bis zu -40 Grad Celsius war es nicht selten, dass die
Ablösung den Posten erfroren im Schnee vorfand.
Im Dezember 1916 bat der Kommandant des österreichischen Lagers Gran Poz
an der Marmolada wiederholt wegen akuter Lawinengefahr um die Räumung
des Lagers. Vergeblich. Am Morgen des 13. Dezember 1916 begrub eine
Nassschneelawine das Lager mitsamt 300 Soldaten unter sich. Es war die
größte Lawinenkatastrophe des Krieges. In der Konsequenz dieser
Katastrophe wurde die Marmoladafront nicht etwa aufgegeben, sondern im
Frühjahr 1917 komplett unter das Gletschereis verlegt. Die Eisstadt
entstand, ein System aus Nachschubwegen, Geschützstellungen und
Truppenunterkünften mit einem Höhenunterschied von über 1000 Metern. Die
Italiener taten dasselbe. Fortan lieferten sich beide Seiten ein
klaustrophobisches Gefecht unter Tage. Man bohrte die gegnerischen
Stellungen an, unternahm Sturmangriffe unter Eis. Dabei kam es vor, dass Soldaten in die tiefer gelegenen Stollen des
Gegner durchbrachen, und dort erschossen wurden. Oder, dass bei den
Bohrarbeiten Schmelzwasserreservoirs angegraben wurden, und die Soldaten
in den hereinflutenden Wassermassen ertranken.
Die Wende und das Ende
Die Wende im Dolomitenkrieg wurde nicht etwa an einem der zahlreichen
Frontabschnitte vor Ort erzielt, sondern im fernen Slowenien. In
der Schlacht von Caporetto gelang es den Österreichern 1917, die Front
zu durchbrechen und tief in das italienische Hinterland vorzudringen.
Um
eine Umgehung in ihrem Rücken zu verhindern und den österreichischen
Vormarsch zum Stoppen zu bringen, wurden die italienischen Truppen aus
den Dolomiten zurück gezogen. Die Kämpfe in den Dolomiten hatten
mehr als zweieinhalb Jahre angedauert. Bodengewinne – so sie denn
stattfanden – von wenigen Dutzend Metern wurden mit tausenden
Menschenleben erkauft. Und kampflos aufgegeben.
Nur an wenigen
Fronten des Ersten Weltkrieges wurden Gesundheit und Leben der eigenen
Truppen so sinnlos und ohne Skrupel vergeudet wie in den Dolomiten.