Die Kriegsstollen am Kleinen Lagazuoi

Es fällt nicht schwer, in den Dolomiten Zeugnisse des Gebirgskrieges zu finden. Eines der beeindruckensten sind sicherlich die Kriegsstollen am Lagazuoi oberhalb des Passo Falzarego.

So unscheinbar dieser kleine Berg im Vergleich mit benachbarten Felsriesen wie der Tofana aussehen mag, im Krieg war der Lagazuoi als strategischer Punkt heiß umkämpft.
Sowohl Österreicher als auch Italiener trieben Stollen in den Fels, um den Gegner mit riesigen Sprengminen zu pulverisieren. 


Ein Teil dieser Stollen ist heute noch zugänglich, und führt von der Bergstation der Seilbahn hinunter zum Passo Falzarego. Helm und Stirnlampen nicht vergessen!



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Der Große Krieg

Wahnsinn des Stellungskrieges im Hochgebirge

Im Frühjahr 1915 hatten sich die Propagandalügen aller europäischen Nationen von einem schnellen, ruhmreichen Sieg über den jeweiligen Feind längst als das entlarvt, was sie waren: Lügen! Ein globaler Flächenbrand war entstanden, bei dem immer mehr Nationen den „glorreichen Opfermut“ ihrer Völker ausgiebigst in Anspruch nahmen. Auf immer mehr Schlachtfeldern (nie war dieser Begriff angebrachter als im Ersten Weltkrieg) lagen sich Truppen in ebenso sinnlosen wie opferreichen Gemetzeln gegenüber. Der Grabenkrieg war in vollem Gange. 

Bei alledem hatte sich das Königreich Italien lange Zeit neutral verhalten. Schon weit vor dem Kriegsausbruch war Italien mit Österreich-Ungarn und Deutschland im „Dreibund“ verbündet gewesen. Trotzdem weigerte sich Italien, auf Seiten der beiden Kaiserreiche in den Kampf einzutreten. Italien führte als Begründung an, dass der Dreibund als Verteidigungsbündnis konzipiert gewesen sei. Da die beiden Mittelmächte den Krieg aber begonnen hätten, sei Italien an seine Bündnispflichten nicht gebunden. 

Der wahre Grund für die abwartende Haltung Italiens lag aber wohl eher am Versuch der „Entente“, Italien mit Versprechungen auf ihre Seite zu ziehen. In Südtirol, dem Trentino, in Friaul und Triest lebten unterschiedlich zahlreiche italienische Minderheiten. Im Falle eines Kriegseintrittes Italiens auf Seiten der „Entente“ sollten diese Gebiete an Italien fallen. 

Da man Österreich außerdem als den relativ schwächeren Gegner ansah, kam es wie es kommen musste: Am 23. Mai 1915 trat Italien trotz des Dreibundes auf der Seite der „Entente“ in den Krieg ein und griff Österreich an.

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Der Kriegsbeginn

Italiens Kriegseintritt brachte Österreich in eine prekäre Lage: Man war bereits an zu vielen Fronten in Schlachten verwickelt und hatte empfindliche Verluste an Mensch und Material hinnehmen müssen. Für eine effektive Verteidigung der Südgrenze standen schlicht nicht ausreichend Truppen zur Verfügung. "Standschützen" wurden mobilisiert, Reserveeinheiten, für die man – bei allem Ruhm – bisher keine Verwendung gefunden hatte. Österreichs "Glück" in dieser Situation war in der Person ihres größten Feindes zu suchen.

Oberster Befehlshaber der italienischen Truppen war der General Luigi Cadorna. Der General war einerseits ein brillanter Redner und talentierter Propagandist, andererseits – wie sich bald herausstellen sollte – ein lausiger Taktiker und großer Zauderer vor dem Herrn, der jedes Risiko scheute. Allen vollmundigen Vorhersagen zum Trotz (Cadorna hatte sich ernsthaft zu der Behauptung verstiegen, innerhalb von vier Wochen Wien erobern zu können) zeigte sich, dass auch die italienischen Truppen reichlich schlecht für einen Konflikt gerüstet waren.

Kaum war der Krieg erklärt, zögerte Cadorna, ohne Umschweife eine schnelle Offensive zu starten, die Österreich mit einiger Wahrscheinlichkeit das Rückgrat hätte brechen können. Die ersten Gebietsgewinne Italiens gingen ohne große Verluste vonstatten. Die österreichischen Truppen zogen sich kampflos von den Grenzen zurück und besetzten im Hinterland eine Linie von taktisch günstig gelegenen Berggipfeln und Passhöhen. Durch das Zögern Cadornas gewann man die Zeit, die nötig war, sich in diesen Stellungen zu verbunkern und Verstärkung von anderen Fronten heran zu holen. Die Quittung für die Unfahigkeit ihres Oberbefehlshabers Luigi Cadorna bekamen schließlich jene armen Soldaten präsentiert, die ab Juni 1915 den Befehl bekamen, die gegnerischen Stellungen zu erstürmen. Reihenweise wurden sie von Maschinengewehrsalven niedergemäht, bis ihnen schließlich nichts anderes übrig blieb, als sich ihrerseits zu verbunkern. Innerhalb kürzester Zeit war auch die Dolomitenfront im Stellungskrieg erstarrt.

Schlachten im Hochgebirge

Hatte man sich im hochalpinen Gelände erst einmal verschanzt und die Stellung befestigt, so war diese praktisch nicht mehr einzunehmen. Versucht wurde es trotzdem. Neben dem direkten Sturmangriff gab es nur zwei denkbare Möglichkeiten der Attacke: Entsprechend befähigte Soldaten versuchten, durch Klettern über die gegnerischen Stellungen zu gelangen. Oder man grub einen Stollen unter die zu erobernde Position und sprengte alles in die Luft. Das Relief der gesprengten Berge wurde dadurch zwar deutlich verändert, der Frontverlauf jedoch kaum. Den Auftakt für den Krieg der Minen machten die Italiener im April 1916 am heftig umkämpften Col di Lana.

Die Horchtrupps der österreichischen Verteidiger unterrichteten ihr Hauptkommando, dass eine Sprengung unmittelbar bevorstehen müsse. Doch statt den Gipfel zu räumen, erging der Befehl, den Col di Lana "bis zum letzten Mann zu halten". Bei der wurde Sprengung die österreichische Besatzung unter den Trümmern begraben …

Im Winter forderten Lawinen, Erfrierungen und Erschöpfung erheblich mehr Opfer, als durch direkte Feindeinwirkung zu beklagen waren. Am Schlimmsten war der Winter 1916/17: Bei bis zu acht Metern Schnee und Temperaturen von bis zu -40 Grad Celsius war es nicht selten, dass die Ablösung den Posten erfroren im Schnee vorfand.

Im Dezember 1916 bat der Kommandant des österreichischen Lagers Gran Poz an der Marmolada wiederholt wegen akuter Lawinengefahr um die Räumung des Lagers. Vergeblich. Am Morgen des 13. Dezember 1916 begrub eine Nassschneelawine das Lager mitsamt 300 Soldaten unter sich. Es war die größte Lawinenkatastrophe des Krieges. In der Konsequenz dieser Katastrophe wurde die Marmoladafront nicht etwa aufgegeben, sondern im Frühjahr 1917 komplett unter das Gletschereis verlegt. Die Eisstadt entstand, ein System aus Nachschubwegen, Geschützstellungen und Truppenunterkünften mit einem Höhenunterschied von über 1000 Metern. Die Italiener taten dasselbe. Fortan lieferten sich beide Seiten ein klaustrophobisches Gefecht unter Tage. Man bohrte die gegnerischen Stellungen an, unternahm Sturmangriffe unter Eis. Dabei kam es vor, dass Soldaten in die tiefer gelegenen Stollen des Gegner durchbrachen, und dort erschossen wurden. Oder, dass bei den Bohrarbeiten Schmelzwasserreservoirs angegraben wurden, und die Soldaten in den hereinflutenden Wassermassen ertranken.

Die Wende und das Ende

Die Wende im Dolomitenkrieg wurde nicht etwa an einem der zahlreichen Frontabschnitte vor Ort erzielt, sondern im fernen Slowenien. In der Schlacht von Caporetto gelang es den Österreichern 1917, die Front zu durchbrechen und tief in das italienische Hinterland vorzudringen.

Um eine Umgehung in ihrem Rücken zu verhindern und den österreichischen Vormarsch zum Stoppen zu bringen, wurden die italienischen Truppen aus den Dolomiten zurück gezogen. Die Kämpfe in den Dolomiten hatten mehr als zweieinhalb Jahre angedauert. Bodengewinne – so sie denn stattfanden – von wenigen Dutzend Metern wurden mit tausenden Menschenleben erkauft. Und kampflos aufgegeben. 

Nur an wenigen Fronten des Ersten Weltkrieges wurden Gesundheit und Leben der eigenen Truppen so sinnlos und ohne Skrupel vergeudet wie in den Dolomiten.