Von der Bergstation der Seilbahn verläuft der Weg anfangs rechts ausgesetzt hinunter zum Einstieg in die Gallerien.





An Platzangst sollte man besser nicht leiden, wenn diese Tour auf der Agenda steht. Die Gallerien sind nicht beleuchtet - nur hin und wieder zweigen sie zu einer ehemaligen MG-Stellung im Fels ab. Sonst herrscht tiefste Dunkelheit.

Über dem Passo Falzarego

Die Weltkriegsstollen am Kleinen Lagazuoi


Wer heute über den Passo Falzarego fährt dem fällt nicht leicht nachzuvollziehen, warum um den Lagazuoi so viel Blut vergossen wurde. Überhaupt erkennt man die Folgen des Krieges nicht auf den ersten Blick, wenn sie auch unübersehbar sind. Tatsächlich ist der Kleine Lagazuoi aber ein Symbol für den "Minenkrieg", und damit für eine der bizarrsten Formen der Kriegsführung, die jemals ein (un-)menschliches Hirn ersonnen hat ...

Wer verstehen will warum hier überhaupt gekämpft wurde muss sich ein Stück weit in die Hirnwindungen der Militärstrategen von anno dazumal hinein bohren. "Wer den Gipfel beherrscht, der beherrscht auch das Tal" - das war die damalige Doktrin. Klar, würde sich heute jemand mit einer Kanone auf einem Dolomitengipfel verschanzen, ränge das seinem Gegner kein müdes Lächeln ab. Ein Zerstörer in der Adria, den Computer mit ein paar Zielkoordinaten gefüttert, und eine Viertelstunde später stünde da keine Kanone mehr.

Im Ersten Weltkrieg konnte eine Batterie dort oben im Umkreis von 30 Kilometern jede Bewegung des Gegners kontrollieren - und war gleichzeitig praktisch unangreifbar.

Die Strategie der Italiener war, in zwei Hauptstoßrichtungen die Bahnlinie des Pustertals zu durchtrennen. Über diese Bahnlinie lief die komplette Versorgung der Südfront ab. Wäre diese durchschnitten worden, hätte Österreich seine Südgrenze nicht mehr halten können. Ergo versuchten die Italiener mit aller Macht durchzubrechen. Am Kreuzbergpass vor Sexten - und am Kleinen Lagazuoi.

Die Österreicher hielten mit allen Mitteln dagegen. Ein Durchbruch durch den Passo Valparola hätte einen Durchmarsch der Italiener durch das Gadertal bedeutet. Die Gefahr, dass in der Folge das Pustertal bei Bruneck und sogar das Eisacktal oberhalb von Brixen durchtrennt worden wäre, war einfach zu hoch. Also verbunkerte man sich auf der Passhöhe und auf den Felsen rundum.

Dass man einen mit MG's und Geschützen bewaffneten Dolomitengipfel nicht im Sturm erobern kann, leuchtet sogar Zivilisten ein. Die italienische Generalität befahl den Angriff trotzdem - mehr als einmal. Erst mehrere tausend Tote später änderte man die Strategie ...

Vom Felsband "Cengia Martini" aus begann man mit Presslufthämmern Stollen in den Fels zu treiben. Das Ziel: Die Stellungen auf dem Gipfel zu unterminieren und sie mit einer gigantischen Sprengladung zu pulverisieren. Recht bald bekamen die Österreicher diesen Plan spitz und begannen ihrerseits, die Bauarbeiten mit eigenen Stollen und Sprengungen zu stören.

Was sich hier über Jahre hinweg abspielte, ist in Luis Trenkers Meisterwerk "Berge in Flammen" dokumentiert. Mehrere Explosionen konnten am Frontverlauf nichts ändern ... wohl aber am Aussehen der Berge.

Historische Fotos zeigen, dass der Wandfuß des Lagazuoi einmal eine blühende Almwiese war - heute befindet sich dort eine einzige Trümmerhalde aus geborstenem Fels. Und dort, wo die Südwand des Lagazuoi heute eine große Schlucht durchschneidet, befand sich vor dem Krieg der Gipfel.

Tipp:

Ein Teil dieser Stollen sind auch heute noch zugänglich, und führen von kurz unterhalb der Seilbahn-Bergstation des Lagazuoi bis hinunter zum Fuß der Felswand. Nach Regenfällen sind die Stollen oft sehr nass und rutschig. Also Vorsicht! Und Helm wie Stirnlampen nicht vergessen!