
Einem überbordenden Breitwandkino gleich rollen die
Westabstürze der Palagruppe eine Leinwand im „160 zu 9“-Format aus.
Ungläubig erfasst der Blick ein Meer aus Zacken, denn vom Val Venegia
aus betrachtet wird die Palagruppe ihrem Namen mehr als gerecht. Selbst in einem Gebirge wie den Dolomiten sticht der
Anblick der „Pfähle“ oberhalb San Martino di Castrozza weithin heraus.
Und dennoch: Die wahre Faszination dieses Gebirgszugs liegt in dem, was
man nicht sieht. Zumindest nicht von unten.
„Nur gucken, nicht anfassen!“ – das gilt für den Rest der
Dolomiten-Massive. Hier aber, vom Tal aus unsichtbar, verbirgt sich
hinter den Gipfeln des Focobon, der Cima della Vezzana und des Cimon
della Pala die Hochebene der Palagruppe. Flankiert von veritablen
Dreitausender-Gipfeln wartet dort oben eine Tour, die zu den besten der
gesamten Alpen zählt!
Ein alter Militärweg verbindet San Martino di Castrozza
mit dem Valle di San Lucano auf der gegenüberliegenden Seite des
Massivs. 99 Kehren verzeichnet die Karte auf der San Martino zugewandten
Seite. Doch bergauf wie bergab ist dieser Steig durch einen böse
steilen Felsabbruch für Tourenbiker unfahrbar – selbst
Freeride-Spezialisten riskieren hier ihr Leben. Auf der anderen Seite jedoch fällt das „Altopiano delle
Pale di San Martino“ vergleichsweise sanft ab. An der Bergstation der
Seilbahn zur Cima Rosetta beginnt die fahrbare Seite des Militärwegs und
entführt den Biker in eine Wunderwelt. Über weite Strecken mit
Trockenmauern gestützt, führt dieser Weg durch eine karge Landschaft aus
Karstgestein.
Dann erreicht er vulkanisches Gelände, das den Biker nach
unzähligen Kehren im Valle di San Lucano ausspuckt. Dort folgt man
Trails bis nach Taibon – macht in der Summe 26 Kilometer Abfahrt. Schon
ewig hatte ich diese Tour auf meinem Wunschzettel.
Die letzte Seilbahn hatte uns gestern Abend von San
Martino di Castrozza aus zur Bergstation hinaufgegondelt, die unterhalb
der Cima Rosetta abenteuerlich am Abgrund klebt. Wir, das ist ein
internationales Biker-Trio aus dem Züricher Bike-Guide Beat, mir selbst
und dem Dolomiten-Local Claudio Da Roit.
Claudio stammt aus Agordo und betreibt in Taibon einen
kleinen Bike-Laden. Doch obwohl Claudios Heimatrevier auf der anderen
Seite der Palagruppe liegt, kam er als erster auf die Idee, von San
Martino aus die Abfahrt über das Altopiano zu wagen.
„Als ich zum ersten Mal mit dem Bike an der Talstation
stand, wurde ich ausgelacht“, erinnerte sich Claudio mit einem
Schmunzeln. „Dass man dort oben biken kann, schien schlicht
unvorstellbar.“ Zehn Jahre ist das nun her. Doch inzwischen hat man sich
an den Anblick von Mountainbikern gewöhnt, und das Belächeltwerden ist
bewundernden Blicken gewichen.
„Wir Italiener haben eine Radsport-Kultur“, erzählte uns
Claudio. „Wer bei uns mit dem Bike im Gebirge unterwegs ist, wird nicht
angefeindet, sondern angefeuert!“
Oben angekommen, rollten wir schnell von der Bergstation
hinunter und zielstrebig am Rifugio Rosetta vorbei. Wenigstens einen
kurzen Blick auf die 99 Kehren des Val di Roda wollten wir uns gönnen.
Schon 500 Meter nach der Hütte war allerdings Endstation. Wie mit der
Axt gekappt bricht das Hochplateau geradezu senkrecht nach San Martino
ab. An eine Weiterfahrt ist hier absolut kein Gedanke. Doch wer wollte
sich daran stören?
Als brodelte ein Geysir am Fuß der Felswand, drückt der
Abendwind dichte Thermikwolken zu uns hinauf. Während sich die Schwaden
über unseren Köpfen sogleich wieder auflösen, taucht die Sonne die
Szenerie in ein warm-orangenes Licht. Unten im Tal ist nun von den
Bergen nichts mehr zu sehen, doch wir sitzen in der ersten Reihe. Ein
Schauspiel, das sich hier des öfteren beobachten lässt.
Am folgenden Morgen spannt sich dann ein blank
gewienerter Himmel über die Hochebene. Breit und in einer weiten Kehre
führt der Weg hinab in eine Senke. Dort zeigt uns der erste Gegenanstieg
die Zähne, doch auch diese Hürde ist schnell überwunden. Weiter vorne
wird der Weg technischer, oft auch verblockt. Klar, dass der erste
Durchschlag nicht lange auf sich warten lässt.
Am Campo Boaro dann der Landschaftswechsel: Enge Kehren
in vulkanischem Kies führen hinunter zur Casera Campigat. Und im Valle
di San Lucano lässt sich unser Guide nicht lumpen.
Kein Wildschweinpfad ist vor Claudios Ortskenntnis
sicher: Unmöglich, diese Strecke ohne GPS zu finden! In Taibon
verabschiedet sich Claudio. Heute Nachmittag muss er im Bike-Laden
stehen. Beat und ich machen uns auf den Rückweg nach San Martino – es
liegt noch einiges an Strecke vor uns. Die Fahrt nach Cencenighe ist ein
Kinderspiel.
Auch der Aufstieg durch das Valle del Biois auf der alten
Strada Mulaz geht entspannt vonstatten. Noch entspannter: die Fahrt mit
dem Sessellift „Le Buse“, der uns gut 600 Höhenmeter Teerstraße
erspart. Erst im Val Venegia wartet auf mich der Mann mit dem Hammer.
Mit dem Hammer-Panorama, aber leider auch konditionell.
Die Erlösung oben an der Baita Segantini ist denn auch
nur von kurzer Dauer. Schließlich stehen morgen die 48 Kehren zum Monte
Totoga an. Die sind zwar nicht höllisch steil, aber auch reichlich
happig. Trotzdem: Für Tourenfahrer ist diese Ecke der Dolomiten ein
echtes Paradies!